9. KAPITEL
DAS GEHEIME WISSEN
Die Wiederauffindung seiner Leuchten schien Mr. Corbeck fast um den Verstand zu bringen. Er nahm sie der Reihe nach zur Hand und betrachtete sie mit einer Hingabe, als wären sie Gegenstand seiner Liebe. In seiner freudigen Erregung atmete er so heftig, daß es wie Katzenschnurren klang. Da unterbrach Sergeant Daws Stimme wie die Dissonanz in einer Melodie die Stille:
»Sind Sie ganz sicher, daß diese Leuchten Ihnen gehören und daß es die gestohlenen sind?«
Die Antwort kam höchst indigniert: »Aber gewiß doch! Natürlich bin ich dessen sicher. Auf der ganzen Welt existiert keine zweite Garnitur solcher Leuchten?«
»Soweit Sie es wissen!« Diese Worte kamen ganz ruhig, obwohl der Detektiv sehr aufgebracht war, wie ich merkte. Und er fuhr fort: »Wer weiß, vielleicht gibt es im Britischen Museum ähnliche, oder Mr. Trelawny hat diese vielleicht bereits besessen. Wie Sie sicher wissen, Mr. Corbeck, gibt es nichts Neues unter der Sonne. Nicht einmal in Ägypten. Es wäre doch möglich, daß dies hier die Originale sind und die Ihren bloß Kopien. Gibt es bestimmte Kennzeichen, an Hand derer sie diese hier als Ihre Leuchten identifizieren könnten?«
Mittlerweise war Mr. Corbeck in Wut geraten und vergaß seine Zurückhaltung. In seiner Empörung gab er einen Schwall fast unzusammenhängender, aber nichtsdestoweniger sehr bezeichnender, abgehackter Sätze von sich:
»Identifizieren! Kopien! Britisches Museum! Mumpitz! Ha, wahrscheinlich gibt es bei Scotland Yard ein paar Exemplare als Anschauungsmaterial, damit die idiotischen Polizisten was von Ägyptologie lernen! Ob ich sie erkenne? Habe ich sie denn nicht am Leibe getragen, monatelang, in der Wüste? Habe ich nicht Nacht für Nacht wachgelegen, um sie zu behüten? Habe ich sie nicht stundenlang durch die Lupe betrachtet, bis meine Augen schmerzten? Bis ich jedes Pünktchen, jede Schramme und jeden Splitter so gut kannte wie ein Kapitän seine Seekarte? So gut wie sie zweifellos allen Gaunern bekannt waren, die dahinter her waren. Sehen Sie, junger Mann, sehen Sie sich das an!«
Er stellte die Leuchten in einer Reihe auf. »Haben Sie jemals Leuchten von dieser Form gesehen? Sehen Sie sich genau diese beherrschenden Figuren darauf an! Haben Sie je eine so vollkommene Sammlung vor Augen gehabt? Sehen Sie doch, auf jeder sehen wir eine der sieben Gestalten von Hathor. Und sehen Sie diese Figur der Ka, einer Fürstin beider Ägypten, die auf der Fähre des Todes zwischen Ra und Osiris steht? Sehen Sie, wie das Auge des Schlafes, auf Beinen stehend, sich vor ihr verneigt? Und im Norden geht Harmochis auf. Findet man dergleichen im Britischen Museum oder in der Bow Street? Mag ja sein, daß ihre Studien im Gizeh-Museum, im Fitzwilliam, in Paris, in Leyden oder Berlin Ihnen gezeigt haben – da diese Episode sehr häufig in Hieroglypheninschriften dargestellt wird – daß dies hier nur Kopien sind. Wahrscheinlich können Sie mir erklären, was die Gestalt der Ptah-Seker-Ausar bedeutet, die das Tet, eingehüllt ins Szepter aus Papyrus, in der Hand hält? Haben Sie es zuvor schon gesehen, im Britischen Museum, in Gizeh oder gar bei Scotland Yard?«
Da brach er unvermittelt in seinem Wortschwall ab und fuhr in gänzlich anderem Ton fort:
»Hm, mir scheint, daß ich es bin, der als dickschädeliger Idiot dasteht! Entschuldigen Sie meine Grobheit, mein Lieber. Aber die Vorstellung, ich würde diese Leuchten nicht erkennen, brachte mich um meine Fassung. Sie tragen es mir doch nicht nach, oder?«
Der Detektiv antwortete aufrichtig: »Aber keineswegs, Sir. Im Gegenteil, es ist mir nur recht, wenn die Leute aus sich herausgehen, mit denen ich zu tun habe, ob sie nun auf meiner oder auf der Gegenseite stehen. Wenn jemand außer sich ist, erfährt man von ihm die Wahrheit. Ich selbst bleibe gefaßt, das gehört zu meinem Beruf. Wissen Sie, daß Sie mir in den letzten zwei Minuten mehr über die Leuchten verraten haben, als mit einem gelehrten Vortrag über deren Merkmale.«
Mr. Corbeck brummte etwas vor sich hin. Er war verärgert, weil er sich so hatte gehenlassen. Ganz plötzlich wandte er sich nach mir um und sagte ganz normal:
»Und jetzt sagen Sie uns, wie Sie die Leuchten zurückbekommen haben?«
Ich war von dieser Frage so überrascht, daß ich ohne Überlegung antwortete:
»Wir haben sie nicht zurückbekommen!«
Der Orientreisende lachte schallend. »Was meinen Sie damit?« fragte er. »Sie haben Sie nicht zurückbekommen! Aber da sind sie doch, vor Ihren Augen! Als wir hereinkamen, standen Sie da und waren in ihre Betrachtung vertieft.«
Mittlerweise hatte ich mich von meiner Überraschung erholt und hatte meine fünf Sinne wieder beisammen.
»Das ist es ja«, sagte ich. »Wir sind zufällig auf sie gestoßen, eben in jenem Moment!«
Mr. Corbeck trat einen Schritt zurück und sah Miß Trelawny und mich scharf an. Sein Blick wanderte zwischen uns hin und her, als er fragte:
»Wollen Sie damit sagen, daß sie nicht von jemandem hierhergebracht wurden? Daß Sie sie hier in dieser Lade gefunden haben?«
»Ich nehme doch an, daß jemand sie hierhergeschafft hat. Sie können ja schließlich nicht von allein gekommen sein. Wer das gewesen sein könnte und wann und wie es geschah, wissen wir nicht. Wir werden eine Untersuchung einleiten und das Personal befragen, ob es etwas weiß.«
Wir standen mehrere Sekunden schweigend da. Schließlich entfuhr es dem Detektiv ganz unwillkürlich:
»Verdammt will ich sein! Entschuldigen Sie, Miß!« Und damit schloß sich sein Mund wie eine stählerne Falle.
Wir ließen nun die Dienstboten einzeln Revue passieren und befragten sie, ob sie etwas von den im Schubfach im Boudoir gefundenen Dingen wüßten. Aber es war keiner darunter, der in diese Angelegenheit hätte Licht bringen können. Wir sagten ihnen nicht, um was für Dinge es sich handelte, auch ließen wir sie diese nicht ansehen.
Mr. Corbeck wickelte nun die Leuchten in Watte und legte sie in einen Blechbehälter. Dieser wurde sodann ins Zimmer der Detektive gebracht, wo einer die ganze Nacht über daneben mit einem Revolver Wache hielt. Am nächsten Tag ließen wir ein kleines Safe ins Haus bringen, in dem die Leuchten untergebracht wurden. Zu diesem Safe gab es zwei Schlüssel. Einen behielt ich, den zweiten hinterlegte ich in meinem Fach in der Stahlkammer der Bank. Wir wäre entschlossen, ein zweites Abhandenkommen der Leuchten zu verhindern.
Etwa eine Stunde nachdem wir die Leuchten gefunden hatten, kam Dr. Winchester. Er trug ein großes Paket mit sich, das sich, nachdem er es ausgepackt hatte, als Mumie einer Katze entpuppte. Mit Miß Trelawnys Erlaubnis schaffte er die Mumie ins Boudoir. Sodann wurde Silvio in ihre Nähe gebracht. Zur großen Verwunderung aller – mit Ausnahme Dr. Winchesters – zeigte der Kater sich nicht im mindesten erzürnt, sondern nahm keinerlei Notiz von der Mumie. Laut schnurrend stand der Kater daneben auf dem Tisch. Als nächstes schaffte der Arzt den Kater in Mr. Trelawnys Zimmer. Wir folgten ihm auf dem Fuße. Dr. Winchester zeigte sich sehr aufgeregt, Miß Trelawny beklommen. Ich selbst war mehr als nur interessiert, denn mir dämmerte allmählich, was der Doktor da eigentlich im Sinn hatte. Der Detektiv gab sich ruhig und kühl überlegen, doch Mr. Corbeck, der sehr begeisterungsfähig war, war ganz Eifer und Neugier.
Kaum hatte Dr. Winchester den Raum betreten, als Silvio zu miauen anfing und sich drehte und wand. Aus den Armen des Doktors springend, rannte er auf die Katzenmumie zu und bearbeitete sie wütend mit seinen Krallen. Miß Trelawny hatte Mühe, ihn wegzuschaffen. Sowie er aber den Raum verlassen hatte, wurde der Kater wieder ruhig. Als Miß Trelawny wiederkam, tönten unsere Kommentare wild durcheinander.
»Dachte ich mir’s doch!« rief der Arzt.
»Was kann das nur bedeuten?« meinte Miß Trelawny.
»Hm, überaus sonderbar!« ließ sich Mr. Corbeck vernehmen.
»Ja, sonderbar, aber es beweist gar nichts!« äußerte der Detektiv.
»Ich halte mit meinem Urteil vorläufig zurück!« rief ich dazwischen, da ich es für ratsam hielt, irgendeine Äußerung zu tun.
Sodann wurde das Thema übereinstimmend fallengelassen – vorläufig.
Als ich abends in meinem Zimmer saß und mir Notizen über die Vorfälle des Tages machte, ertönte ein leises Pochen an der Tür. Auf meine Aufforderung hin trat Sergeant Daw ein, die Tür vorsichtig hinter sich schließend.
»Setzen Sie sich, Sergeant«, sagte ich. »Was gibt es?«
»Sir, ich wollte mit Ihnen über die Leuchten sprechen.« Ich nickte und wartete ab. Er fuhr fort: »Sie wissen sicher, daß das Zimmer, in dem Sie diese fanden, an dasjenige anschließt, wo Miß Trelawny letzte Nacht schlief?«
»Ja.«
»In der Nacht wurde in jenem Teil des Hauses ein Fenster geöffnet und wieder geschlossen. Ich hörte es und sah mich daraufhin um. Aber ich konnte nichts entdecken, rein gar nichts.«
»Ja, das weiß ich«, gab ich zurück. »Ich hörte selbst, wie mit einem Fenster hantiert wurde.«
»Sir, kommt Ihnen dabei nicht etwas sehr Merkwürdig vor?«
»Merkwürdig!« sagte ich. »Merkwürdig, sagen Sie! Es ist die verwirrendste und verrückteste Sache, die ich je erlebte. Alles ist so merkwürdig, daß man verwundert zuwartet, was als nächstes passieren wird. Aber was meinen Sie mit merkwürdig?«
Der Detektiv schien seine Worte mit Bedacht zu wählen. »Sie müssen wissen, daß ich nicht an Hexerei und dergleichen glaube. Ich bin immer für Tatsachen, denn ich habe die Erfahrung gemacht, daß sich mit der Zeit für alles ein Grund und eine Ursache finden. Dieser Mr. Corbeck behauptet, die Leuchten wären ihm in seinem Hotelzimmer gestohlen worden. Die Leuchten gehören in Wahrheit Mr. Trelawny, das habe ich aus einigen seiner Bemerkungen entnommen. Dessen Tochter, die Dame des Hauses, schläft in der bewußten Nacht im Erdgeschoß statt in ihrem Zimmer. Als wir, die wir den Tag über nach einer Spur in diesem Diebstahl gesucht haben, das Haus betreten, finden wir die gestohlenen Sachen in einem Raum, der an jenen anschließt, in dem Miß Trelawny schlief.«
Er hielt inne. Ich verspürte, wie mich jenes schmerzliche und widerstrebende Gefühl übermannen wollte, das ich bei meinem ersten vertraulichen Gespräch gehabt hatte. Aber ich mußte den Tatsachen ins Auge sehen. Meine Beziehung zu ihr und das Gefühl, das ich ihr entgegenbrachte, nämlich tiefe Liebe und Hingabe, wie ich jetzt wußte, erforderten dies. So ruhig, als es mir möglich war, weil ich die scharfen Augen dieses versierten Detektivs auf mir spürte, sagte ich:
»Und was folgt daraus?«
Er antwortete, daß es gar kein Raub war. Die Sachen wurden von jemandem zu diesem Haus geschafft, wo sie ein anderer durchs Fenster in Empfang nahm. Sie wurden im Schrank untergebracht, um zum richtigen Zeitpunkt entdeckt zu werden.«
Irgendwie war ich erleichtert, denn seine Vermutung war zu grotesk. Andererseits aber wollte ich mir meine Erleichterung nicht anmerken lassen, deshalb antwortete ich so ernst als möglich:
»Und wer soll sie zum Haus gebracht haben?«
»In diesem Punkt möchte ich mich noch nicht festlegen. Möglich, daß es Mr. Corbeck selbst war. Einen Dritten zuzuziehen wäre vielleicht zu riskant gewesen.«
»Führt man ihre Folgerung weiter aus, dann steht Mr. Corbeck als Lügner und Betrüger da, der unter der Mittäterschaft von Miß Trelawny irgend jemanden über diese Leuchten täuschen wollte.«
»Mr. Ross, das sind harte Worte, ja unverblümte Worte, so daß man darauf keine Antwort weiß und von neuen Zweifeln geplagt wird. Doch ich muß in der Richtung weiter, die mir mein Verstand zeigt. Gut möglich, daß nicht Miß Trelawny die Mittäterin ist, sondern jemand anders. Wären da nicht jene anderen Umstände gewesen, die meine Zweifel an ihr geweckt hätten, dann hätte ich nicht im Traum daran gedacht, sie hiermit in Zusammenhang zu bringen. Bei Corbeck aber bin ich meiner Sache sicher. Die Dinge können ohne sein Wissen nicht fortgebracht worden sein – wenn er uns die Wahrheit gesagt hat. Wenn nicht – nun, dann ist er ohnehin ein Lügner. Ich halte es für ein Unding, daß er hier im Haus inmitten dieser vielen Kostbarkeiten untergebracht wurde. Nun, so haben ich und mein Kollege wenigstens Gelegenheit, ihn zu beobachten. Und wir werden ihn gut im Auge behalten, das sage ich Ihnen. Im Moment ist Corbeck oben in meinem Zimmer und bewacht die Leuchten. Aber Johnny Wright ist oben bei ihm. Ich werde ihn nachher ablösen. Einen zweiten Einbruch wird es nicht geben. Mr. Ross, das alles muß natürlich unter uns bleiben.«
»Versteht sich! Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen!« sagte ich. Und er entfernte sich, um den Ägyptologen zu überwachen.
Es sollte sich zeigen, daß diese schmerzlichen Erlebnisse stets zweifach über mich kamen und daß die Ereignisse des Vortages sich wiederholen sollten. Es dauerte nicht lange, und Doktor Winchester suchte mich auf. Er hatte eben die abendliche Visite bei seinem Patienten hinter sich und wollte nach Hause. Sich auf den angebotenen Stuhl setzend, begann er ohne Umschweife:
»Alles in allem eine höchst sonderbare Sache. Miß Trelawny hat mir eben von den gestohlenen und wiedergefundenen Leuchten berichtet. Sieht mir nach einer neuen Komplikation des ganzen Rätsels aus. Und doch stellt die Sache für mich eine Erleichterung dar. Ich habe alle menschlichen und natürlichen Möglichkeiten des Falles ausgeschöpft und greife nun langsam auf übermenschliche und übernatürliche Möglichkeiten zurück. Wir haben es hier mit so seltsamen Dingen zu tun, daß wir bald zu einer Lösung kommen müssen, ansonsten verliere ich noch den Verstand. Ich frage mich nun, ob ich nicht Mr. Corbeck um Mithilfe bitten soll. Sein Wissen über Ägypten und alles, was damit in Zusammenhang steht, ist gewaltig. Sicher hätte er nichts dagegen, uns etwas von den Hieroglyphen zu übersetzen. Für ihn ein reines Kinderspiel. Was meinen Sie dazu?«
Nachdem ich mir die Sache überlegt hatte, gab ich ihm Antwort. Wir brauchten Hilfe, von welcher Seite auch immer. Was mich anlangte, so hatte ich vollstes Zutrauen zu beiden. Ein Vergleichen von Meinungen und gegenseitige Hilfe konnten nicht schaden, im Gegenteil, es würde nur nützen.
»Ja, ich würde ihn darum bitten. Er ist ein hervorragender Kenner des alten Ägyptens, und scheint mir ein guter und begeisterungsfähiger Mensch. Übrigens wird es nötigsein, daß Sie das, was er ihnen sagt, für sich behalten.«
»Aber natürlich!« gab er zurück. »Nicht im Traum würde mir einfallen zu jemandem ein Wort zu sagen. Wir müssen dessen eingedenk sein, daß Mr. Trelawny, wenn er zu sich gekommen ist, nicht entzückt sein wird, falls wir seine Angelegenheiten ungebührlich beredet hätten.«
»Warum bleiben Sie nicht noch eine Weile?« fragte ich daraufhin. »Ich werde ihn auf ein Pfeifchen zu uns bitten. Dann können wir alles besprechen.«
Er zeigte sich einverstanden. Ich ging also, um Mr. Corbeck zu uns zu holen. Die Detektive waren, so glaube ich, recht froh, daß er ging. Unterwegs zu meinem Zimmer sagte er:
»Hm, mir gefällt es ja gar nicht, daß ich die Sachen zurücklasse, in der Obhut dieser zwei Polizisten! Sie sind viel zu kostbar, als daß man sie der Polizei überlassen könnte!«
Woraus zu ersehen ist, daß das Äußern von Verdächtigungen sich nicht allein auf Sergeant Daw beschränkte.
Nach einem einzigen flüchtigen Blick standen Mr. Corbeck und Dr. Winchester bereits auf freundschaftlichem Fuß miteinander. Der Orientreisende sagte uns seine Hilfe zu, vorausgesetzt, wie er hinzufügte, es handle sich um etwas, worüber er frei sprechen könnte. Nun, das war nicht sehr vielversprechend. Aber Dr. Winchester hakte sofort ein:
»Wenn es Ihnen recht ist, könnten Sie uns ein wenig von der Hieroglyphenschrift übersetzen.«
»Aber gewiß doch, mit dem größten Vergnügen, soweit ich es vermag. Denn ich muß Ihnen sagen, daß die Hieroglyphenschrift noch nicht ganz entschlüsselt wurde, obwohl wir die Sache langsam, aber sicher in den Griff bekommen! Und welche Inschrift meinen Sie?«
»Da wären zwei«, antwortete Winchester. »Eine will ich sofort bringen.«
Er ging hinaus und kehrte gleich darauf mit der Katzenmumie wieder, die er vorhin Silvio präsentiert hatte. Der Gelehrte besah sie sich und meinte nach kurzer Überlegung:
»Das ist wirklich nichts Besonderes. Es ist die Bitte an Bast, die Herrin von Bubastis, dem Tier im Jenseits Brot und Milch zu geben. Im Inneren steht vielleicht noch mehr. Falls Sie sich die Mühe machen, sie aufzuwickeln, werde ich mein Bestes tun. Aber ich glaube nicht, daß da viel zu erwarten ist. Nach der Wickelmethode zu schließen, würde ich sagen, daß die Mumie aus der Deltagegend stammt, aus einer späten Periode, als das Einbalsamieren allgemein üblich und billig war. Und wo ist die zweite Inschrift, die ich entziffern soll?«
»Die Inschrift auf der Katzenmumie in Mr. Trelawnys Zimmer.« Mr. Corbeck machte ein langes Gesicht. »Nein! Das geht nicht. Ich bin – zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt – zur Verschwiegenheit verpflichtet, was die Dinge in diesem Zimmer angeht.«
Dr. Winchester und ich reagierten gleichzeitig. Ich sagte nur das eine Wort »Schachmatt!«, woraus er vielleicht schließen mochte, daß ich mehr von seinem Plan und seinem Ziel wußte, als ich bislang hatte durchblicken lassen. Winchester murmelte: »Zur Verschwiegenheit verpflichtet?«
Mr. Corbeck nahm die Herausforderung an:
»Mißverstehen Sie mich nicht! Ich wurde nicht ausdrücklich dazu verpflichtet. Doch meine Ehre zwingt mich, Mr. Trelawnys Vertrauen zu rechtfertigen, das er mir, wie ich Ihnen versichern kann, in so großem Ausmaß schenkte. Es befinden sich viele Dinge in seinem Zimmer, mit denen er einen bestimmten Zweck verfolgt. Und für mich, seinen Freund und Vertrauten, wäre es weder recht noch zuträglich, diesen Zweck zu verraten. Wie Sie vielleicht wissen oder vielmehr nicht wissen, sonst hätten Sie meine Bemerkung nicht so ausgelegt, ist Mr. Trelawny ein Gelehrter, ein großer Gelehrter. Seit Jahren schon arbeitet er auf ein gestecktes Ziel hin. Dafür hat er keine Mühen gescheut, keine Unkosten, keine persönliche Gefahr und keine Selbstverleugnung. Gelangt er an sein Ziel, dann ist ihm ein Platz unter den größten Entdeckern und Forschernunserer Zeit sicher. Und eben jetzt, da jede Stunde den Erfolg bringen kann, liegt er krank darnieder!«